the olr sudelbuch
 
die bahn kommt -
reisen mit dem zug in deutschland und china
 
 
Nach einem Jahr Zugabenteuer in China erscheinen mir im Winter 2001 deutsche Bahnfahrten als geradezu paradiesische Urlaubsreisen. Einige chinesische Vorzüge vermisse ich dennoch. Vor- und Nachteile zweier Schienenkulturen, geschrieben im IC Rheinfels, am 7. Oktober 2001.

Ich sitze im Zug durch Deutschland.
Reisen mit der Bahn nach einem Jahr China ist trotz aller Meckerei über verspätete und übervolle Züge ein angenehmes Unterfangen, sind "wir" doch ein anderes Volk auf Reisen, ruhiger, ernster, (aber auch: verschlossener), benötigen keine Kürbiskerne, um den Boden vollzusauen, keine Spielkarten, um um Geld zu zocken oder lautstarke Reden schwingen, die meisten Socken sind etwas geschmackvoller, stinken weniger und stecken mitsamt dem Fuß auch auf der Fahrt in einem Schuh. Es wird nicht geschubst und gedrängelt, obwohl man eine Sitzplatznummer in der Hand hält, die Verhätschelung des Einzelkinds, vor allem im Babyalter, ist noch nicht so weit fortgeschritten und quengeln hier im Abteil eher mal umsonst. Die Handymania ist allerdings schon fast auf chinesischem Niveau, was mir in Deutschland doch eher wehtut, ist die gnadenlose Vermarktung gern gehörter Musikklassiker aus E- und U-Musik extrem fortgeschritten, wird J.S. Bach zu einem erbärmlich piepsenden MIDI-file reduziert. Mag dem chinesischen Handyhasser genauso gehen, glücklicherweise kenne ich mich bei chinesischen Musik zu wenig aus und habe die dortigen Klingeltöne nicht in Verbindung mit schönen Originalmelodien auf Erhu oder E-Gitarre bringen können.
Das ist also fast dasselbe Übel.

Und was gefällt mir am Zugreisen in China?

In Deutschland läuft leider keine Servicedame für den Tee oder Kaffee durch die Abteile, es werden keine kulinarischen Highlights durch die Gänge gefahren oder - im Wagen von und nach Hangzhou die Krönung - extrem strapazierfähige und extrem häßliche Herrensocken in einer Art mobiler Werbeveranstaltung an den Mann zu bringen versucht, die Kiste des Schaffner-cum-Entertainers eine Sammlung von Geduldspielen oder Zeitschriften.

Zum Glück dudelt mir hier vor der Ankunft in Mainz der Zuglautsprecher keine deutschen Volkslieder vor, ich werde exakt und professionell freundlich über die Anschlusszüge in formiert (obwohl meistens einer der Anschlüsse aufgrund der Verspätung keiner mehr ist). Auf der anderen Seite ist nichts so schön wie nach 24 Stunden Fahrt im Schlafwagen morgens um fünf nach sechs den Strauß´schen Wiener Walzer durch den Wagen schweben zu hören. Ich befinde mich dabei aber in Anfahrt auf Qingdao, und nicht auf Wien Hauptbahnhof. Wunderbar.

Keine Strecke ist in Deutschland so lang, daß ich mich sofort nach dem Einsteigen auf die Suche nach einem intelligenten Gesprächspartner begebe, Schlafwägen benutze ich so gut wie nie und dann nur im Urlaub, wenn ich nicht alleine unterwegs bin. Es macht aber trotz aller Anstarrerei und unverhohlter Neugierde, was denn der Ausländer hier im Zug macht, wo er doch fliegen könnte, einen Heidenspaß mit dem PLA-Offizier, der frisch gewordenen Mutter oder dem alten Kader ins Gespräch zu kommen. Soweit es die Sprachkenntnisse zulassen. Doch im Moment genieße ich die Ruhe unbehelligt und entspannt für mich zu sein, hier (der Zug hat gerade Bonn Hbf verlassen), diesen Reisebericht zu schreiben (nach einem Jahr kann ich es noch schwer lassen) und dabei durchs deutsche Land zu fahren.
Es ist immer wieder sehr erstaunlich zu erleben, wie unterschiedlich Menschen die Fremde bzw. einen ihnen unbekannten Ort erleben.
Chinesen macht es offensichtlich lautstark Spaß mit Pocketkamera und Handtasche, Baby, Oma und sonstigen Familienangehörigen einen Tagesausflug zu starten. Läßt sich in Deutschland auch finden, aber diese schwer identifizierbare Mischung aus Kegelklub, Betriebsausflug und Geschäftsreise in der Gruppe? Zehn Männer, wie gesagt alle mit einer schwarzglänzenden Kulturbeutelhandtasche ausgestattet (die mit der Klasse Handgelenkschlinge), zehn schwarze Gürtel an denen zehn schwarze Pager befestigt sind, zehn Seitenscheitel (links oder rechts) und fast echte Seiden-Freizeithemden aus Polyester, eine faszinierende Truppe, die mit Sicherheit (!) abends mindestens zur Hälfte hochrot aus dem Lokal wanken (dann mit leicht lädierter Frisur) und gemeinsam Schlager schmettern. Davor hat man sich mindestens genauso erregt um die Rechnung gestritten, versucht, gegenseitig Geldscheine in Brusttaschen loszuwerden und bei all der Aufregung noch einmal eine Falsche Schnaps bestellt. Wunderbar.
Ich war zugegebenermaßen irritiert, als ich die ersten Männerrunden in deutschen Restaurants von der Seite miterlebt habe. Mühselig klaubt die Bedienung die Rechung der Mittagsmahlzeit auseinander, jeder bezahlt für sich, dafür gibt auch jeder Trinkgeld. In China tips zu verteilen ist unüblich.
Ich würde sehr wahrscheinlich überhaupt nicht über die verspäteten Züge der Deutschen Bahn meckern, wenn da nicht die hohen Preise wären. Das System ist sehr eng gestaffelt, Anschlußzüge in Köln gehen innerhalb von 5-10 Minuten, verpasse ich meine Verbindung, ist die Zeitersparnis wieder dahin.
Warum schreibe ich das? Weil ich der Meinung bin, daß man in deutschen Zügen wunderbar reisen kann. Ich habe einen Sitzplatz, die Federung des IC so weich, daß keine Zeile beim Lesen verschwimmt und ich fast immer die Tasten treffe (die restliche Fehlerquote resultiert aus meiner Unkenntnis des Zehn-Finger-Systems). Ja, so isses. Und daher Stopp! Den M&Ms (Motz- und Meckereien) des Fahrgastes von nebenan. Für mich sowieso schwierig zu verstehen, wenn im selben Moment, wo hier gestöhnt wird, Leute nicht um ihre Verspätung, sondern um ihr Leben bangen oder ein neuer (noch schwelender) Dauerbrenner zwischen dem freien Westen und ideologisch verblendeten Wirrköpfen droht. Und nebenbei: vor 60 Jahren war Zug fahren in Deutschland auch noch ziemlich schwierig, Zug stoppen und verdunkeln, wenn die Flieger kamen und so.
Verdutzte Gesichter auf chinesischer Seite brachte mir die Frage nach der Antriebsart der Züge in China ein, alles Kohle und Öl. Schön dreckig und langsam. Dabei wurde mir bewußt, wieviele Strecken hierzulande mit Strom betrieben werden, sauber und schnell. Was mich gedanklich springen läßt zur Autoproblematik in Shanghai. Will die Stadtregierung doch die Anschaffung des Privatautos fördern, die Fahrradwege schmälern und die dadurch untersatzlos gewordene Bevölkerung in die öffentlichen Verkehrsmittel stopfen, breitere Straßen, und mehr Abgase, so geht das doch nicht. Zur Zeit besitzt nur eine Promilleziffer von Shanghainesen ein eigenes Auto, das wird sich in den nächsten 5 Jahren traurigerweise zum Nachteil ändern, machen wir Deutschen ja auch nicht anders, mehr Autos, mehr Beweglichkeit, was ein Schwachsinn, da lebe die marode staatliche Eisenbahn Chinas, mit der immer noch der größte Teil der Bevölkerung langsam zwar, aber stetig ihren großen und kleinen Zielbahnhöfen entgegenrollt.
Zum Mondkuchenfest im September (das traditionell mit der Familie begangen wird) waren die Züge voll, aber angefüllt mit Menschen, die angesichts des baldigen Wiedersehens mit ihren Angehörigen, fast alle gut gelaunt waren.
Guten Abend.

Geschrieben am 7. Oktober 2001, im IC Rheinfels, irgendwo bei Koblenz.

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© olr 2002, letzte änderung: 28/08/02