the olr sudelbuch
 
morgens halb neun -
ein plädoyer für die langsamkeit
 

Wieso? Warum jetzt? Warum ich? Allein die Fragen sind schon falsch, bahnen sich im momentanen Wutausbruch jedoch unnachgiebig ihren Weg ans Licht.
Wieso stürzt mir ausgerechnet jetzt der Rechner ab, reisst das Staubsaugerkabel aus der Steckdose, während ich in komplizierten Stellungen, die der GSG9-Grundausbildung alle Ehre machten, unter dem Bücherregal operiere? Wieso trete ich nach dem Abtrocknen mit frischen Socken in die Pfützenlandschaft des gerade benutzten Badezimmers? Worin besteht das Erkenntnispotential eines bauch-gelandeten Nutellabrotes? Welches „Heureka“ soll mir angesichts traurig-brauner Schokofäden entfahren, wenn ich Scheibe und Küchenboden vorsichtig voneinander trenne? Welcher transzendentale Mehrwert erschliesst sich mir, wenn Zehen am Stuhlbein hängenbleiben und die O-Saft-Flasche beim hastigen Trinken die Zahnstellungen korrigiert?
Die Antwort ist ganz einfach: Du bist zu schnell. Nichts anderes. Jedes Objekt auf diesem Erdenball bestitzt eine ihm eigene Gebrauchs-geschwindigkeit. Nur liegt diese Ziffer meist viel tiefer als die momentan im Einsatz stehende PS-Zahl, mit der ich meine Bewegungsmaschinerie überlade. So besitzt jeder Staubsaugerstecker, jede Brotschmieraktion ebensoviele links- oder rechts-gerichtete „Achtung Kurve, Geschwindigkeit verringern“-Dreiecks-schilder wie die gemeine deutsche Landstraße durch Eiffel oder Hunsrück. Nur werden die auf der Straße weniger übersehen.
Die Folgen sind ähnlich letal. Zumindest vom Gefühl her, wenn ich einbeinig durch die Wohnung hüpfe und lauthals fluchen muss. Daher mit Spass an der zusätzlichen Bewegung das Marmeladenglas, theatralisch überhöht, aber passgenau, eingedreht, jegliche Bestuhlung meines Zimmers kindisch umflogen und trotz nasser Socken und schmerzender Zähne Richtung Uni unterwegs.
Dabei das Lachen nicht vergessen, wenn unterwegs die Erkenntnis naht, dass dort sonntags wenig los sein wird.

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© olr 2002-2003, letzte änderung: 12/12/03