|
in
china sind ausländer als filmstatisten nach wie
vor sehr begehrt. die qualifikation zum schauspieler
ist mit großer nase und blonden haaren zu genüge
gegeben und so hatten mein zimmergenosse und ich monatlich
eintrudelnde angebote. so wie dieses hier.
Um zehn vor Mitternacht brechen die drei potentiellen
Bösewichte Tommi, Sascha und ich Richtung Süden
auf, um in einer chinesischen Seifenoper mitzuspielen.
Ort des Geschehens: die Stadt Yiwu, 5 Stunden von Shanghai
entfernt. Unser russischer Kommilitone Alex (kurz Sascha),
der in unserem Wohnheim eine Art Jobvermittlerrolle
innehat, klopft standardmäßig an unsere Zimmertür
und fragt, ob wir in einer Viertelstunde Lust hätten,
uns die Nacht im Zug um die Ohren zu hauen und Filmstars
zu werden. Klar. Wahrscheinlich waren wir schon zu müde,
um richtig darüber nachzudenken. Zahnbürscht
eipackt und los.
Morgens um 5 Uhr stehen die Helden verfroren und umzingelt
von Taxifahrern auf dem Bahnhofsvorplatz von Yiwu, ohne
Studiobus, geschweige denn -agent. Schön. Übers
Handy nachgefragt erfahren wir von einer Reifenpanne
und "bu hao yisi" (ach wie peinlich). Schließlich
landen wir doch noch in der Filmstadt, dürfen zwei
Stunden schlafen und werden aufgeweckt, um den Morgen
über Däumchen zu drehen. Zum Frühstück
eine Runde Fertigsuppen und Tee. Außer uns drei
echten Westlern wartet mit uns (aus der Not heraus,
keinen vierten gefunden zu haben oder aus finanziellen
Gründen) ein Chinese, der mit seiner blonden Perücke
und billigem Plastikschnauzer eher zu bedauern war.
Zur Mittagszeit Kleiderwechsel. Ich soll als auserwählter
Flugspezialist in einer Tonne voller Farbe landen, also
auch runter mit der Unterwäsche. Wie sehen wir
aus? Geplant waren böse, gemeine Engländer
zur Jahrhundertwende mit Tropenhelm und bandagierten
Unterschenkeln. Komplett in Khaki und furchtbar böse.
Anschließend sind wir tatsächlich am Set.
Ab da nur noch Hektik, Gebrüll und sehr viele takes.
Unsere Hauptaufgabe bestand in Pöbeln, Chinesen
anpinkeln eingeschlossen (habe ich bravourös mit
einer Flasche Eistee erledigt, sieht aber farblich sehr
ungesund aus). Nahaufnahem aus allen Winkeln, Grimassen,
teuflisches Lachen, die ganze Palette böser Westlerklischees.
Sehr, sehr lustig, aber anstrengend. Der Held naht und
der Kampf beginnt. Wir bekommen fies was auf die Nase,
sprich, am Ende sind alle tot. Ich sterbe als letzter
und bekomme den Todesschrei nicht hin, ein Dutzend Aufnahmen
und mir fällt keine Variante mehr ein.
Tommi (der Ex-Zivi aus dem Krankenhaus) als Paradekämpfer
schießt mit Originalgewehr auf die unschuldige
chinesische Zivibevölkerung, Sascha pöbelt
weiterhin. Herrlich. Hauptamusement sind die Kungfu-Experten
(selbsternannt). Ohne größeres Konzept erfinden
sie immer neue Schlagkombinationen, die außer
ihnen kaum einer spielen kann. Der Kampf mit dem chinesischen
Volkshelden besteht aus Standszenen, in denen wir Westler
vom Actionteam der Crew (außerhalb des Bildes
stehend) von den Beinen gerissen werden, während
der Meister seinen Fuß in mein Gesicht, an die
Schulter oder die Brust drückt. Wir fliegen auf
Matten, blicken grimmig in die Weite, spucken, lachen
und sterben schließlich.
Leicht blessiert und müde, aber reich (na ja) verlassen
wir das Set.
Umziehen, Heimreise, um ein Uhr morgens in heimischen
Gefilden, und um die Erfahrung reicher, wie man als
Westler in China Filme drehen kann.
|