Ortswechsel.

Liebe Leserin, lieber Leser,
China ruft!
Ich ziehe zurück ins Reich der Mitte. Weitere Geschichten rund um das Abenteuer Alltag poste ich aus Peking unter:
www.beijing101.de.
Herzlichen Gruß,
olr.
Abenteuer Alltag in Südostasien


(Aufnahme aus einem Aufzug in Ang Mo Kio, dem Singapurer Hinterland)








Um 23:59 gehen an der Marina Bay die Lichter aus. Die im Tsunamijahr 2005 eingeführte Schweigeminute soll der Bevölkerung auch diesmal in den letzten Sekunden vor Mitternacht Gelegenheit zur Reflektion bieten. Doch bei 150 000 Menschen, die sich rund um die Esplanade versammelt haben, gestaltet sich komplette Ruhe schwierig. Die Vorfreude auf das Neujahrsfeuerwerk ist zu groß. 8 Minuten soll es dieses Jahr dauern, ausgestattet mit pyrotechnischen Neuheiten und einer eigens komponierten Begleitmusik. Als ich mit der Menge die letzten Sekunden des Jahres anzähle, hat sich die Vorfreude auf mich übertragen. Ich stehe mit meinen Kolleginnen auf der Reporterplattform und habe beste Sicht auf die vor mir liegende Bucht und Singapurs Skyline.
Mit lauten „Oooh“- und „Aaah“-Rufen begleiten viele Zuschauer die vielfarbige Raketenshow. Die Musik geht im beeindruckenden Explosionslärm unter. Viel zu schnell ist das Feuerwerk zu Ende.
1. Singapurs vier große Ethnien feiern am liebsten jeweils unter sich. Das große multikulturelle Miteinander, dass die Singapurer Tourismusbehörde nicht müde wird, als Werbeslogan in jeder vielfarbigen Hochglanzbroschüre ganz oben zu platzieren, findet so nicht statt.
Junge, hübsche malayische Teenager feiern im eigenen Kreis genauso wie die Hunderten von indischen Wanderarbeitern, die sich vor allem um die Freiluftbühne drängen, auf der Singapurs neue Rockhoffnung „Allura“ mit der 19jährigen Frontfrau Inch vor allem Männerherzen höher schlagen lässt. Eines wird schnell klar: Singapur ist nicht Rio de Janeiro. Hier liegen sich Schlag 12 Uhr keine wildfremden Menschen in den Armen, niemand wünscht Unbekannten ekstatisch „Frohes Neues Jahr!“. Einzige Ausnahme bilden die hiesigen Taxifahrer, und das wohl eher aus Servicegründen.
2. Nach Feuerwerk und Rock’n’Roll geht’s nach Hause! Zu meiner großen Überraschung zieht der Großteil der 150 000 Menschen nach gut einer Stunde wieder ab. Ich sehe nirgends ein Mitternachtspicknick, niemand packt seine Gitarre aus, die offizielle Unterhaltung ist zu Ende, das Volk hält nichts mehr. Der Massenexodus verläuft zügig und ohne Zwischenfälle.
Doch das neue Jahr hält auch neue Hoffnung bereit. Ich habe Müll gesehen! Auf dem Rasen, auf den Wegen rund um die Esplanade ist der Boden mit farbigem Unrat bedeckt. Doch meine chinesische Kollegin holt mich schnell auf den Boden Singapurer Tatsachen zurück. „Den Müll haben sicher die Inder zurückgelassen“, kommentiert sie trocken.
Während ich langsam zu Fuß über die für Autos gesperrte Marina Bay Bridge Richtung Fullerton Hotel spaziere, wird mir klar, dass die Herausforderungen des Landes im alten Jahr auch für 2008 gelten müssen: lockerer, kreativer, multikultureller.

Das Besondere daran: wir befinden uns nicht in einer Kirche, sondern in einem Einfamilienhaus in Bukit Batok und gläubig ist Zhiqi auch nicht. Diesen vorweihnachtlichen Abend möglich gemacht hat das Austauschprogramm der Singapore Management Universität, die seit 2 Jahren Erst- und Zweisemester an Singapurer Gastfamilien vermittelt. Der Großteil der Studenten stammt, wie Zhiqi, aus China. Die Kantonesin studiert seit knapp einem Jahr Betriebswirtschaft in der Löwenstadt und fühlt sich wohl hier, auch dank der Fürsorge ihrer hiesigen Gastfamilie.
Das Programm kooperiert seit seiner Gründung mit zwei presbyterianischen Kirchen. Alex Teo, Initiator des christlichen „Campus Hub“, macht deutlich, was ihm an dieser Idee gefällt. „Ich habe während meiner Studienzeit in Amerika sehr gute Erfahrungen mit meiner dortigen Gastfamilie gemacht. Das Gefühl, ein Heim in der Fremde zu haben, möchte ich hier zu Hause nun an andere Studenten weitergeben.“
Zhiqi aus Kanton kann dem nur zustimmen. „Der größte Unterschied zu China ist wahrscheinlich das multikulturelle Leben Singapurs. Durch meine Gastfamilie verstehe ich vieles sehr schnell und revanchiere mich mit ein wenig Chinesischunterricht und Nachrichten aus China, die ihren Weg nicht in die Medien finden.“
Ihre Neugierde an der Lebensweise der Inselbewohner hat Zhiqi auch zur heutigen Weihnachtsfeier gebracht. Religion spielt an diesem Abend wie auch im gesamten Austauschprogramm nur eine untergeordnete Rolle. Alex Teo: „Wir haben auch buddhistische und muslimische Familien, die Studenten aufnehmen. Bekehren wollen wir niemanden. Der Schwerpunkt liegt auf dem interkulturellen Austausch.“